neulich am Strand _ oder wie ich mich in “body positivity” übe

Geschätzte 350 Tage im Jahr, 300 Tage im Jahr, bin ich mit meinem Körper (er ist schon 50 geworden) total zufrieden. Er ist gesund, trägt mich, hält mich zusammen, drückt mich aus, teilt mich mit … Halleluja! Danke, lieber Körper, ich bin mit dir sehr zufrieden.

Neulich am Strand

Wir (mein Mann und ich) haben DIE ideale Bucht auf Elba gefunden.

Eine Bucht, erreichbar von einer kleinen Trattoria vom Strand aus; über einen kleinen steilen Weg durch den Pinienwald. Nun liegt ein Naturstrand mit Sträuchern und Felsvorsprüngen vor uns. Ideal, um nach ein paar Tagen der Erkundung der Insel, Ruhe-, Bade- und Lesetage am Strand einzulegen. Wir sind den Schmetterlingsweg am „Monte Perone“ gewandert, haben Bergdörfer und wunderbare Ausblicke entdeckt und haben in kleinen Restaurants neben den Einheimischen Gutes kredenzt bekommen. Soweit sind unsere Stresshormone von den vergangenen Wochen abgebaut worden; wir können in den Entspannungsmodus gehen… Faule Badetage stehen bevor: Wir sind bereit zu liegen, zu baden, im Schatten zu sonnen (geht das überhaupt?), zu lesen, ab und zu Würfelscrabble zu spielen bei dem ständig mein Mann gewinnt, zu reden oder nicht zu reden, unseren Gedanken nachzuhängen…

Wir – Gesicht, Hals, Arme und Waden gebräunt, entblößen unsere Körper. Den wir ja lieben, den ich, 350 Tage (300 Tage) im Jahr liebe.

Die gemeine Mittagssonne!

Ui, das ist bestimmt die gemeine Mittagssonne (im Schatten)! – Seit wann sind meine Oberschenkel so weiß? Und so weich und hügelig? Der Bikinioberteil und das Bikinihöschen sind seit dem letzten Sommer auch kleiner geworden…

Ich probiere es mit hinlegen und entspannen. – Wenn ich ins Wasser schwimmen gehe, mit Baucheinziehen. Wie strafft man beim Gehen eigentlich die Oberschenkel? Mir fällt ein, dass ich irgendwann in einem Artikel gelesen habe, dass, wenn man die Arme nach oben steckt, so als würde man sich die Haare richten, der Körper durch die Streckung, gleich schlanker und straffer aussehen würde.

Meinem Mann fällt es gar nicht auf (er liest die ganze Zeit), dass ich jedes Mal, wenn ich Schwimmen gehe:

  1. den Bauch einziehe
  2. mir die Haare richte
  3. schneller als sonst ins Wasser eintauche

Am Strandtuch (im Schatten) beginne ich, Beinübungen zu machen und fasse folgende Vorsätze: nach dem Urlaub

  • ein paar Tage basisch zu essen
  • nichts Süßes zu essen
  • kein Weißmehl, (oder nur Glutenfreies) zu essen
  • keinen Alkohol zu trinken
  • und, jawoll, ich werde joggen beginne wieder mal zu joggen

 

Ha!! Ertappt!

Mein Gehirn bewegt sich in Richtung Selbstoptimierung. Wieder einmal. Ich versuche durchzuatmen und meine perfektionistischen Gedanken abzulegen; ruhig zu stellen. Was am Strand gar nicht so einfach ist. Vor mir gehen junge Frauen, okay, es sind Mädchen, in Richtung Taverne. Mit knappen Höschen und Apfelpobacken. Kurz stelle ich mir vor, ich würde so einen Hauch von Höschen in Rot tragen. Ich muss lachen und stelle realistisch fest: „ich hatte auch als Mädchen keine Apfelpobacken. Um bei den Früchten zu bleiben: eher Birnen. Nun sind es Orangen.“

Body positivity

Seinen eigenen Körper als Frau immer zu lieben, ist oft eine Herausforderung. Als Mädchen, wenn der Körper sich ganz anders entwickelt, als man möchte, als junge Frau, wenn der Busen zu klein, zu groß, zu weich, zu unperfekt … ist, als Schwangere, wenn alles zu explodieren droht (und die Haut nicht mit kann), nach der Geburt, wenn noch alles schmerzt (doch das Erlebnis der Geburt – WOW!! Mein Körper kann das aber!! Ohne, dass ich ihm etwas sagen musste!!), als Frau, die versucht, mit oder gegen den Körper schwanger oder nicht schwanger zu werden, … (Welches Verhältnis haben eigentlich Nonnen zu ihrem Körper?)

Als es mir vor Jahren nicht gut ging, das Schlagwort „Burnout“ war noch nicht in aller Munde, lernte ich auf die harte Tour, meinen Körper trotzdem zu lieben und zu vertrauen – und darauf zu achten, wann er Pausen brauchte. Nachdem er aus Überforderung ganz dünn geworden war, wurde er (nach der Einnahme von Antidepressiva) über den Sommer immer runder und schwerer. Sehr schwer. Über 15 Kilo plus zeigte die Waage an. Keine Hosen passten mehr (damals trug ich fast nur Hosen), keine Blusen, die Shirts saßen sehr knapp… Ein paar meinten, wir bekämen bald unser drittes Kind. Vor dem Spiegel heulte ich (schon wieder) … und mein Mann liebte mich trotzdem. Auch meine Rundungen, an die ich mich erst gewöhnen und mit denen ich mich versöhnen musste.

 

Geht es anderen Frauen auch so?

Warum beschäftigen wir uns so oft mit dem Thema Aussehen, Körper, Kilos, definierte oder nicht definierte Muskeln? Sind Gedanken darüber typisch für unsere Zeit und Gesellschaft? Hatte „EVA“, hatten all die ersten Frauen in der Urzeit, auch solche Gedanken? „Oh, da habe ich ein bisschen zugenommen. Da muss ich wohl bis zum nächsten Nachtlager eine extra Meile gehen, damit meine Schenkel wieder straffer werden“. Oder: „Ich darf nicht soviel Mammutfett essen, davon werden meine Oberarme so schwabbelig“. Oder: “Der Extranachschlag von den Waldbeeren legt sich bei mir immer beim Bauch und beim Busen an” … ?

Was denken Frauen, die vor einiger Zeit ihre Heimat verlassen mussten und nun in einem anderen Kulturkreis leben?

Ich bin kritisch

Ich schaue keine Insta-Posts von perfekten Körpern. Ich bin kritisch bei Mode- und Werbeanzeigen. Weiß, dass es unterschiedliche Körpertypen gibt, dass der Körper sich im Alter ständig verändert, und trotzdem tappe ich immer wieder in diese Falle: Ich vergleiche, vor allem am Strand, meinen Körper mit den Figuren der anderen Frauen und Mädchen. „Hm, da gefällt mir meine Figur besser; die sieht noch gut aus für ihr Alter; oder: so dünn! – Ob das noch gesund ist?! …“

Wie geht es dir damit?

Warum machen wir das, immer wieder: anstatt zu tanzen und zu lieben, andere zu be- und verurteilen, viel zu kritisch über sich selbst zu denken, sich zu vergleichen, sich selbst – seinen Körper – zu optimieren und zu perfektionieren?

Auf jeden Fall, neulich am Strand beauftragte ich meinen Mann, Fotos von mir zu machen. Denn erfahrungsgemäß werde ich in ein paar Jahren, wenn ich mir dann die Fotos ansehen werde, erstaunt feststellen: „da habe ich ja eh super ausgesehen!“

Du siehst super aus

Mir kommt der Gedanke, mich jetzt daheim schon vor dem Spiegel zu stellen und laut zu sagen: „du siehst super aus!“

– Besser sogar:

schön bist du! – Mein Körper der mich trägt, schützt, spüren lässt … der ich bin.

 

Herzlichst, Christine

 

PS: Übrigens die Ausgabe 08/2021 des Magazins „BRAND 1“ hat den Schwerpunkt „Körper“

Auf die Ausgabe hinweisend schreibt Deborah Tyllack im Newsletter von Brand 1: „Ich hoffe, wir lernen, unserem Körper wieder besser zuzuhören, ihm zu vertrauen und ihn zu respektieren, ohne ihn zu verbiegen. So gewinnen wir Lebensqualität zurück, die wir einmal hatten, als wir in der Kindheit fröhlich tobend durch die Welt getanzt sind.“

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