Interview mit Haya Molcho “older, but better and …”

Es ist fast wie Urlaub:

Ich sitze am Wiener Naschmarkt im NENI und trinke Limonana, esse Hummus, Lamm, Fladenbrot und Falafel und bestaune all die schönen und interessanten Menschen, die kommen, essen und wieder weiterziehen, oder sich mit Freunden treffen, lachen, genießen und eine schöne gemeinsame Zeit hier in diesem besonderen Restaurant verbringen.

– So habe ich vor Jahren das NENI am Naschmarkt kennen gelernt:

ein Hauch von Tel Aviv, welches ich mit Freundinnen einmal ein paar Tage genießen durfte…. Inzwischen gibt es schon 11 NENI Restaurants in 9 Städten, etliche Kochbücher, eine Produktpalette NENI in diversen Supermärkten und viele weitere Pläne… Die Gründerin von NENI ist Haya Molcho, gemeinsam mit drei von vier Söhnen leitet sie dieses gastronomische Familienunternehmen. Die Familie ist auch im Unternehmensnamen fest verankert: die Anfangsbuchstaben der Namen der Söhne ergeben NENI: Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan.

Doch diesmal sitze ich bei mir zu Hause am Küchentisch,

…mein Laptop ist aufgeklappt – mit einem Bild von Haya Molcho aus dem Internet, neben mir liegen Stift, Papier und ein Notizbuch, in meiner Hand liegt mein Telefon – ich werde gleich Haya Molcho anrufen. Wir sind im Lockdown und dass ich wieder einmal ins NENI am Naschmarkt in Wien komme, wird noch ein wenig dauern.

Als Instagram-Followerin des NENI und von Hayas Sohn Nuriel, erhasche ich manchmal einen Hauch von NENI. Deswegen bin ich auch auf die Idee gekommen:

  1. meine Blogreihe „older, but better and …“ zu starten,
  2. die Blogreihe mit einem Interview von Nuriels Mutter Haya zu eröffnen und
  3. habe ich von Nuriel, der auch für die PR und Marketing von NENI zuständig ist, den Kontakt zu seiner Mutter bekommen.

Easy going

… so unkompliziert läuft das heutzutage mit den Kontakten und den sozialen Medien (und darüber bin ich als kleines Kreativunternehmen sehr froh.)

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Ich bin aufgeregt und gespannt. Für Haya Molcho habe ich ein paar Fragen vorbereitet und voilà, hier ist das Interview – alle anderen Infos zu NENI, Haya und ihrer Familie kannst du unten in den Links nachlesen, nachsehen bzw. nachhören:

Haya Molcho am Wiener Naschmarkt

 

Christine Mittermayr sitzt in ihrer Küche und interviewt Haya /Foto: handypic_selfie

Liebe Haya,

 

1. Was hat dich dazu bewogen, mit über 40 beruflich etwas Neues zu starten; ein Unternehmen zu gründen?

 

Haya:

Ich war ja lange bei meinen Kindern zuhause; als der jüngste 13 Jahre alt war, wusste ich: es war an der Zeit etwas für mich zu tun. Viele Frauen kennen das: wenn die Kinder außer Haus gehen kommen die Fragen:

  • Was ist mit mir? Was möchte ich machen? Wo ist die Haya?

Das war für mich klar:

in dieser zweiten Lebensphase bin ich an der Reihe;

jetzt werde ich machen,

was ich mir schon lange gewünscht habe.

Gekocht habe ich schon immer gerne und das Kochen für andere hat mich schon immer sehr gereizt; doch die Zeit war noch nicht da gewesen, um es als Profession auszuüben.

 

Natürlich gehört Mut dazu, etwas Neues zu starten;

mit dem Risiko, dass etwas schief gehen kann, dass nicht gleich alles klappt. Auch wenn ich etwas nicht schaffe, heißt das nicht, dass ich es nicht noch einmal versuche. Nicht alles, was wir uns wünschen, klappt von Anfang an. Wir sind das oftmals so gewohnt – immer Erfolg und Leistung bringen zu müssen; und wir schämen uns, wenn etwas schief geht. Diese Scham gilt es zu überwinden. Es muss nicht alles perfekt sein. Perfektionismus erhöht Stress; man bekommt Angst vor dem Scheitern. Zu Schwächen zu stehen und diese zu intergieren kann eine Chance sein, um Erfolg zu haben. Schwächen sind auch Stärken.

 

Warum bei uns in der Gesellschaft Leistung so sehr in dem Vordergrund steht, ist die europäische Erziehung.

Eltern vermitteln oft: „du musst perfekt sein und erst dann liebe ich dich.“ Ich liebe meine Kinder auch, wenn sie Scheiße gebaut haben. War das der Fall, habe ich dann zwar mit ihnen diskutiert … – trotzdem wussten sie: egal was passiert, ich bin immer für sie da.

Liebe mit Leistung zu koppeln macht uns nur kaputt.

Daraus resultieren auch viele Burnouts, finde ich.

Die Veränderung einer Gesellschaft, fängt bei der Erziehung der eigenen Kinder an – müssen sie nur tolle Noten haben, oder ist auch das Soziale, der Umgang miteinander wichtig?

Das Schulsystem ist sehr oft zu sehr nach Leistungen ausgerichtet.

Theater, Musik, Kunst, öffnen den Geist. Das wären so wichtige Fächer in der Schule! Ich bin überzeugt: bei Förderung von Kreativität könnte man auch den Stoff der anderen Fächer viel schneller lernen. Also unsere europäische Erziehung und unser Schulsystem unterstützen nicht unbedingt die Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren; etwas Neues anzufangen. Die inneren Antreiber von „Leistung! Leistung! Leistung!“ und alles richtig machen zu müssen – nehmen uns oft den Mut, ins kalte Wasser zu springen und etwas Neues zu beginnen.

Wichtig ist trotzdem sich zu fragen:

  • Was ist meine Leidenschaft?
  • Was macht mich glücklich?
  • Welche Tätigkeit ist es, die ich gerne mache und die mich gesund leben lässt?
  • Womit bleibt meine Seele gesund?

Ich muss mich entscheiden:

Probiere ich aus, was mir die Antworten dieser Fragen mitteilen

oder ändere ich nichts an meiner Situation

und werde irgendwann deshalb vielleicht sogar frustriert oder krank?

 

2. Welche Idee hast du als erstes umgesetzt?

Wie hast du begonnen? Wann und wo hast du begonnen?

 

Haya:

Ich fing mit Catering an und ich kochte bei uns in der Küche. Unser Jüngster war 13 Jahre alt; ich war 43. Mein Cateringunternehmen fing ganz klein an und ist dann ziemlich schnell erfolgreich geworden.

Ich hatte mit meinen Gerichten, durch meine Art zu kochen, zu dekorieren, mich zu präsentieren, eine Nische gefunden, die die anderen noch nicht hatten: die „Levante Küche“, das offene Kochen, als Koch/Köchin stolz zu sein und sich nicht zu verstecken… Das war meine Ideologie und das kam gut an. Ich habe durch meine Art und mit meinen Gerichten Lebendigkeit und Farbe gebracht. Weg von grau, weg von weiß;

bei mir war alles bunt … – es war einfach anders.

Zufriedene Kundinnen und Kunden empfahlen mich weiter… – Ja, so fing es an: bei mir Zuhause. Auch später haben wir bei uns in der Garage die Neni-Produkte händisch eingefüllt. Aber die Leidenschaft war immer da und der Zusammenhalt; das Miteinander. Mit Leidenschaft und Begeisterung steckst du auch deine Mitarbeiter an.

Was mir auch ganz wichtig ist zu erwähnen: ich habe einen Partner, der mich immer unterstützt und ermutigt hat.

„Jetzt ist deine Zeit! Jetzt machst du, was du möchtest“, diesen Zuspruch hatte ich von meinem Mann.

Wie oft haben doch Frauen Probleme mit ihren Männern, weil diese sie bremsen?! Manche Partner wollen aus Bequemlichkeit alles so, wie es immer war.

Auch wenn ich viele Abendtermine hatte… mein Mann hat mich unterstützt, so wie ich ihn vorher unterstützt habe, als die Kinder noch kleiner waren. (Anmerkung: Hayas Mann Samy ist ein berühmter Pantomime, Buchautor über Körpersprache und u.a. Professor am Marx-Reinhardt-Seminar)

Die Partnerschaft, der Rückhalt vom Partner ist sehr wichtig.

 

Familie Molcho

 

Schritt für Schritt wurde dann das Unternehmen NENI aufgebaut. Es kam eine größere Küche, dann kamen Mitarbeiter; eines ergab das andere …

 

3. Welche Frau/ welche Frauengeschichte inspiriert dich besonders?

 

Haya:

Michelle Obama hat mich sehr inspiriert – ihr Werdegang – ihr Studium – ihr Leben als Partnerin eines Politikers. Ich habe sehr bewundert, wie Michelle ihren Mann unterstützt hat; wenn auch scheinbar im Hintergrund, war sie trotzdem sehr präsent.

Ich finde es schön, wenn Partner sich für den anderen zurückstellen können, Freiräume geben können, – mit dem Wissen, irgendwann kommt die Zeit, in der der andere dann seine Träume verwirklichen kann und die Unterstützung und Freiräume des/vom anderen bekommt…

Als die Zeit da war, hat Michelle Obama die Chance ergriffen, ihr Buch zu schreiben (Anmerkung: Becoming) und um andere Frauen auf ihrem Weg zu unterstützen.

– Solche Frauen sind für mich Vorbilder: Frauen, die viel bewegen.

 

 

4. Wie würdest du den Satz ergänzen?

Older, but better and …

glücklicher, zufriedener,

ja, – zufriedener!“

Haya

Foto: Samy und Haya / Neni vienna instagram

 

5. Welcher Wunsch kommt dir als erstes in den Sinn, welcher taucht auf, wenn du deinen Blick aus dem Fenster schweifen lässt:

 

Haya (sitzt in ihrem Büro; sie lacht):

Jetzt gerade kommt mir Dubai in den Sinn. Wir machen ja im September ein NENI in Dubai auf. (– Israel und Dubai haben ein Friedensabkommen). Momentan bin ich sehr in den Überlegungen: Was kann NENI in Dubai? Dubai ist eine Stadt, die rasant herausgewachsen ist. –  Wie kann ich Menschen erreichen, die Sehnsucht nach alten Stadtteilen und deren Flair haben? – Eine „Altstadt“ gibt es ja nicht in Dubai. Wie kann ich diesen Leuten trotzdem Freude bereiten?

– In dem wir eine Atmosphäre schaffen in der wir vielleicht ein wenig lockerer, nicht so perfekt sind… Das ist meine momentane Vision und mein Wunsch.

Danke liebe Haya Molcho für das Gespräch, deine Anregungen und den kleinen Blick hinter die Kulissen. – Es freut mich sehr (total! mega!), dass du die Reihe meiner Blogserie „older, but better, and …“ eröffnest!

 

Danke auch für deine persönlichen Worte an meine Leser*innen und an mich:

Bleib leidenschaftlich!“

 

Links:

Artikel im Stern über Haya Molcho: israelische Weltküche im Neni | STERN.de

Youtube: Interview von Kurier-News zum neuen Kochbuch „Wien“, zur Zusammenarbeit mit den Söhnen, den ersten Lockdown und zum Vorratskochen https://youtu.be/whuoTIrteXs

Podcast über Haya und ihre Geschichte: Haya Molcho, Unternehmerin – Eins zu Eins. Der Talk | BR Podcast

 

alle Fotos (außer Selfie von Christine): Neni 

 

 

 

 

6 Kommentare
    • Christine
      Christine sagte:

      Danke, liebe Gabi! herzliche Grüße, hoffentlich können wir uns bald wieder einmal im schönen Niederösterreich treffen 🙂

      Antworten

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