Der Corona-Schas

Jetzt habe ich es endlich ihn da, den Schasmein Z e l t. Ganz anders Genau so, wie ich es mir ausgemalt habe.

Seit dem L o c k d o w n   1 sind viele schöne komische und anstrengende Tage vergangen. Ich bin in Quarantäne auf Wellnessurlaub. Quarantäne Tag 8. Wellnessurlaub Tag 8. Ich trage den ganzen Tag feines Leinen den halben Tag mein Nachthemd, bin immer gut gelaunt und zuversichtlich  außer am 3. Zyklustag, da habe ich immer ein Hormontief, bürste mit hundert Bürstenstrichen sporadisch mein Haar, pflege meine Haut meist erst nach einer Katzenwäsche am späten Vormittag und trage rund um die Uhr nur zum Skypen roten Lippenstift.

Ach, egal – ich lasse einfach die Schönfärberei. Das ist auf Dauer zu anstrengend! Auch beim Schreiben und Lesen.

Ich versuche dir meine tatsächliche Zeltgeschichte, ein wenig von der Atmosphäre in Quarantäne bei mir, zu erzählen:

Ich kann mich nicht wirklich beschweren:

Mein Aktionsradius daheim ist trotz Quarantäne groß. Mein Atelier liegt im Untergeschoss und ich laufe ein paar Mal pro Tag auf und ab. Mein Schritt- und Pulszähler wäre begeistert (schon ganz modern mit via Bluetooth verbundener App am Handy). – Müsste er nicht in einem Körbchen im Bad vor sich hin tümpeln und die App Hilfesignale auf mein Handy schicken.

Fast die ganze Wohnung gehört mir.

Außer es gibt was zu erzählen, zu besprechen, zu essen oder zu fernsehen. Da kommt auch mein Bester aller besten Ehemänner aus seinem Homeoffice. Das ehemalige Kinderzimmer, das zum Gästezimmer wurde und nun zum Office und zur Außen-Schaltzentrale seines Unternehmens umfunktioniert wurde. – Jugendliche Relikte befinden sich noch immer im Zimmer. Etwas subtiler. Das Jimmy Hendrix-Poster wurde schon abgenommen. (Es macht sich bei Online-Businessbesprechungen als Hintergrund nicht so gut. “Müssen wir vielleicht an dieser Stelle ein Bücherregal aufbauen?”, frage ich mich gerade.)

Ich schreibe und skype meistens gerne am Küchentisch.

dort lese ich auch Korrektur unseres Buchmanuskriptes

Da kann mein Blick zwischendurch in den Garten schweifen.

Im Wohnzimmer befindet sich mein Fitnessraum, wo ich ab und zu halbherzig * mit vollem Einsatz Trampolinschwinge oder per Youtube Workouts ein paar Übungen * mache fernsehe*.

Unser infizierter Sohn sitzt in seinem Zimmer. Gott sei Dank mit eigenem Fernseher* kann er dort ungestört seine Onlinevorlesungen absolvieren. Und er hat sogar ein eigenes kleines Bad. Er ist eingesperrt * hat also relativ viel Freiraum. (*sorry! – ich konnte nicht anders; das Schönfärben musste noch einmal sein).

Die einzigen realen Kontakte zur Außenwelt

Die einzigen realen Kontakte zur Außenwelt sind die gefüllten Einkaufstaschen und der Christbaum, die/den uns Freunde vor die Türe stellen/gestellt haben.

Und unsere Haustiere:

Die Katze genießt ihre Freiheit

und trägt als Beweis tote Mäuse und klettenhafte Grassamen von ihrem großen freien uneingeschränkten Outdoor-Revier in ihr feines warmes Schlaf- und Wohnrevier. – Auch im Atelier verteilt sie brav ihre langen Angorawinterfellhaare mit all den Kletten und Gräsern … Die Hunde bringen uns den realen Dreck vom geschmolzenen-Schnee-aufgetauten-Gartenboden ins Haus.

Sie achten also alle, dass wir den Kontakt zur realen Welt nicht verlieren.

Und ich bin versucht zu sagen: unsere Haustiere scheren sich – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Dreck um behördliche Bescheide.

– Das würde ich ab und zu auch gerne können!

Mittwochnacht ist eine liebe Freundin nach kurzem und intensiven Leiden gestorben. Ich konnte mich real nicht von ihr verabschieden. Ich konnte sie nicht real in den Arm nehmen. Auch wenn sie mich vielleicht nicht mehr gehört hätte, konnte ich ihr real keine Geschichten ins Ohr flüstern. An welche Zeiten ich mich mit ihr erinnere, für was ich dankbar bin; wie großartig sie gelebt, erzogen und gearbeitet hat… Oder einfach nur real schweigend neben ihr sitzen, auf ihren Atem hören und auf ihren schwachen Puls achten… der irgendwann aufgehört hat zu schlagen. Ich konnte ihre Kinder nicht real in die Arme schließen und nicht real diesen unfassbaren Tod mit ihren Liebsten ein wenig teilen…

Am Samstag ist der Verabschiedungsgottesdienst. Ich kann leider nicht hingehen. Quarantäne Tag 10. Voraussichtlich mein letzter Quarantänetag. Auch mit einem negativen Coronatest dürfte ich nicht auf die Verabschiedungsfeier. Gesetz ist Gesetz. Bescheid ist Bescheid.

In solchen Momenten wäre ich gerne ein Haustier bei uns zu Hause.

Auch wenn ich sehr froh bin, dass unser Sohn die Erkrankung an Covid 19 sehr gut meistert, bin ich traurig; diesmal, in meinem Zelt …

Jetzt haben wir ihn da, den Corona-Schas, bei uns zu Hause.

 

in memoriam Renate M.

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